Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt

Naturwissenschaftlich-technologisches und Musisches Gymnasium

Hätten die Schülerinnen und Schüler des P-Seminars gewusst, wie viel Arbeit sie sich aufhalsen, sie hätten wohl ein anderes Seminar belegt. Aber das Thema "Vertonung eines Stummfilms" war ebenso interessant für die Gymnasiasten wie herausfordernd. Nach eineinhalb Jahren Arbeit am Martin-Pollich-Gymnasium wurden drei Vertonungen nun in einem Konzert in der Aula zur Begeisterung des Publikums aufgeführt. Charlie Chaplin, Mickey Mouse und Charley Chase wären stolz auf diese Musik gewesen.

Vor knapp 100 Jahren wurde das Kino so richtig populär, die Menschen strömten in Scharen in die Lichtspielhäuser, die damals selbstverständlich noch alle Filme in Schwarzweiß zeigten. Die laufenden Bilder auf der Leinwand waren gleichzeitig die Geburtsstunde des modernen Soundtrack. Damals hatte die begleitende Musik aber einen ganz und gar praktischen Grund. Sie musste die laut ratternden Filmvorführgeräte übertönen, die damals noch nicht leise genug ihre Arbeit verrichteten Also gab es in großen Lichtspielsälen ein ganzes Orchester zur musikalischen Begleitung, in kleineren Kinos einen Pianisten, der die Musik zum Film lieferte.

Geht das heute noch?

So entstand das ganz neue Genre der Filmmusik.  Aber können Musiker heute noch Stummfilme vertonen? Und wenn ja, wie komponiert man so etwas? Fragen, die sich das P-Seminar von Musiklehrer Urs John gestellt hatte. Drei Stummfilme aus der Zeit von 1927 bis 1929 hatten sie sich ausgesucht, den letzten Vertretern der Stummfilm-Ära, bevor der Ton Einzug in die Kinosäle hielt.

In "Der Zirkus" (1928) von und mit Charlie Chaplin gerät dieser als Hauptdarsteller in einen Löwenkäfig und die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Die missliche Lage galt es ebenso dramatisch wie mit dem Chaplin eigenen Humor musikalisch mit Leben zu füllen. Das kleine Orchester des P-Seminars meisterte diese Aufgabe mit Bravour, setzte Paukenschläge dort ein, wo Chaplin mal wieder einen Bock schießt, wird traurig in Anbetracht des ihn bedrohenden Schicksals und heiter im Finale nach der geglückten Flucht aus dem Käfig.

Quicklebendig inszeniert

Das Orchester zeigte gleich im ersten Film, dass es sich ausgiebig mit der Thematik auseinander gesetzt hatte und die Vertonung des Stummfilms nicht nur spielte, sondern quicklebendig inszenierte. In der Besetzung mit Matteo Elsner und Sofie Engelhardt (Trompete), Nico Benkert (Posaune), Sarah Beck (Altsaxofon), Sebastian Martin (Tenorsaxofon), Elisabeth Kritzer (Harfe), Lisa Rommel und Paula Zeeb (Klavier), Tobias Richter (Gitarre), Jonas Neugebauer (E-Bass) sowie Nicolas Görig, Nils Simon und Peter Diestel (Schlagzeug und Percussion) lebte die gute alte Zeit der Stummfilme musikalisch wieder auf.

Im zweiten Film begleiteten die jungen Musiker die verirrte Mickey Mouse in ein abgelegenes Haus. Den Weg dorthin vertonte Xaver Schulze-Dieckhoff nicht mit dem Orchester, sondern spannend elektronisch am Computer. Das Haus sollte sich im Film "The Haunted House" (1929) als Spukschloss mit zahlreichen Geistern herausstellen. Die angsterfüllte Mickey Mouse stellt sich notgedrungen der Aufgabe und spielt für die tanzenden Gespenster Klavier bevor ihr die Flucht gelingt. Auch da zeigte sich das Orchester mit den zahlreichen Wendungen zwischen schrecklicher Angst und ausgelassenem Musizieren glänzend aufgelegt.

Hose verloren

Im dritten Film verlor der heute kaum noch bekannte US-Filmschauspieler Charley Chase im Kurzfilm "The Way of all Pants" (1927) seine Hose und ging anschließend in einem Hotel auf die Jagd nach einer neuen. Was mit allerlei Unannehmlichkeiten verbunden ist. Auch hier viel Spielraum für die Musiker zwischen spannender Unterhaltung, Slapstick, peinlichen Verstrickungen und rasanten Verfolgungsjagden. Ein spritziges konzertantes wie filmisches Vergnügen.

Das Publikum zollte begeisterten Beifall für die Stummfilmvertonungen der Schüler. Die bedankten sich, und sperrten musikalisch Charlie Chaplin gleich noch mal in den Löwenkäfig.

Bericht und Bilder: Stefan Kritzer

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