Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt

Naturwissenschaftlich-technologisches und Musisches Gymnasium

Editorial

Am 27. Januar 1945  befreiten Soldaten der Roten Armee das KZ Auschwitz von den nationalsozialistischen Peinigern. Es gibt in unserem Land Leute, die das, was dort geschehen war, am liebsten totschweigen und vergessen möchten, wenn sie nicht gleich völlig leugnen, welche unvorstellbaren Verbrechen dort begangen worden waren. An der historischen Faktizität dieser Verbrechen kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Eine Riesenfülle von Dokumenten, Akten, Fotos und Filmen existieren, und schließlich und vor allem gibt es auch Zeitzeugen, Betroffene, die dem Tod in dem Vernichtungslager mit Glück entkamen und heute noch – für wie lange? – dafür Zeugnis ablegen können, was ihnen und Millionen anderen unschuldigen Menschen von der braunen Verbrecherbande damals angetan worden war.

Dürfen wir vergessen, dass es vor allem Deutsche waren, eine deutsche Regierung, ursprünglich sogar demokratisch an die Macht gekommen, die den millionenfachen, mit perfider Perfektion organisierten Mord vor allem an jüdischen Bürgern aus Deutschland und ganz Europa angeordnet hatte, ihn hatte organisieren und durchführen lassen von oft allzu willigen Helfern?

Zu Recht fanden und finden zurzeit überall in Deutschland Feiern statt, die den Befreiungstag von Auschwitz zum Anlass für das Gedenken genommen haben. Deutschland darf nie vergessen, welche Schuld ihm von den verhetzten, unmenschlichen Massenmördern aufgebürdet worden war. Diese Schuld drückt, sie schmerzt und wird ewig schmerzen, jedem aufrechten Bürger unseres Landes. Auch den, der nie an den Unmenschlichkeiten beteiligt gewesen war, oder den, der „die Gnade der späten Geburt“, wie einst Bundeskanzler Helmut Kohl sagte, erfahren und keine persönliche Schuld auf sich geladen hat. Am meisten aber tut es weh, wenn man auf einen der Überlebenden wie Sara Atzmon von damals trifft, der dir als Deutscher mit Lächeln und Freundlichkeit begegnet, wo Hass und Rachegelüste nur allzu verständlich wären.

 Schulprojekt zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust am 27.01.2019

 „Holcaust“ wird landläufig das genannt, wofür Juden den Begriff „Shoa“ bevorzugen. Damit bezeichnen sie in Anklang an die Bibel allgemein eine von Gott gesandte ausländische Bedrohung des Volkes Israel, übersetzt als ‚Unheil‘ oder ‚Heimsuchung‘ (Quelle: Wikipedia). Im engeren Sinn aber meinen sie damit, weitgehend synonym mit „Holocaust“, die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen durch das Nazi-Regime besonders in den Jahren 1938 bis 1945.  

Die Verbrechen, die bei dieser Verfolgung begangen wurden, waren von einer solchen Unmenschlichkeit und von einer solchen Dimension, dass sie alles, was den Juden im Laufe ihrer leidvollen Geschichte bisher angetan worden war, in den Schatten stellte. Die Erkenntnis davon setzte sich schnell weltweit und besonders auch in Deutschland durch, als das Verbrecherregime der Nazi beseitigt worden war. Mit dieser Kenntnisnahme aber kam auch das Entsetzen, und mit dem Entsetzen die Forderung, dass die Erinnerung an den Holocaust nie wieder verloren gehen dürfe. Viele Gedenktage knüpfen seither daran an. Einer ist die Erinnerung an die Befreiung des KZ Auschwitz, wo zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen, zumeist europäische Juden, umgebracht worden waren. Dieser Jahrestag hat sich am 27. Januar zum 75. Mal wiederholt.

Die Evangelisch-Lutherische Erwachsenenbildung des Dekanats Bad Neustadt a. d. Saale unter der Leitung von Dekan Dr. Matthias Büttner hat diesen Zeitpunkt gewählt, um an drei Tagen der Opfer des Holocaust zu gedenken. Das dafür aufgestellte Programm sah am 27.01. einen Gedenkgottesdienst in der Bad Neustädter Christuskirche vor, eine Bilderausstellung der Holocaust-Überlebenden und weltbekannten Künstlerin Sara Atzmon im Gewölbekeller der Schranne in Bad Königshofen (ist noch bis zum 02. März geöffnet) und endete am 30. Januar mit einem Gedenkvortrag mit Sara Atzmon im Alten Amtshaus von Bad Neustadt.

Am 27. Januar aber gab es noch ein besonderes Projekt, das vielleicht noch intensiver als die anderen Veranstaltungen dem Erinnern gewidmet war, weil es sich an die junge Generation wandte: das „Schulprojekt zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust“, Obertitel „Seht, wohin Hass führen kann“, das am Montagvormittag am Martin-Pollich-Gymnasium in Mellrichstadt durchgeführt wurde. Dazu waren Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe der Mittel- und Realschulen und der Gymnasien aus dem ganzen Landkreis und Münnerstadt mit ihren betreuenden Lehrern zur Teilnahme eingeladen. Gekommen waren Schüler der Realschulen und der Gymnasien in Bad Neustadt, Mellrichstadt und Bad Königshofen. Da vom Martin-Pollich-Gymnasium auch alle Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe sowie des musischen Ausbildungszweigs mitwirkten, konnte OStD Robert Jäger vom MPG bei seiner Begrüßung konstatieren, dass rund 230 Schüler an dem Projekttag beteiligt waren.

Dieser Tag hatte vier besondere Akzente: Er begann nach der Begrüßung von Jäger und einer kurzen Ansprache durch Dekan Dr. Matthias Büttner mit der Selbstvorstellung von Sara Atzmon. Den zweiten Akzent setzten die Schüler unter Anleitung ihrer Lehrer in acht Workshops. Dies nahm den größeren Teil des Vormittags ein. Danach stellten die Arbeitsteams ihre Resultate in Kürze vor. Der Tag endete schließlich mit einer letzten Fragestunde an Frau Atzmon und ihren Ehemann Uri.

Was Frau Atzmon aus ihrer von Entbehrungen, Leid, unmenschlicher Verletzung ihrer Würde, tödlicher Bedrohung und schrecklichen Erfahrungen geprägten Kindheit und frühen Jugendzeit erzählte, wird weiter unten in einem eigenen Bericht zusammengefasst.

10a: Yasmin Dankert trägt eines der Lieder vor, das sie mit ihren Kameraden vom Team „Jiddische Musik“ erarbeitet hatte. Am Flügel Musiklehrer Urs John vom MPG; rechts hinten die stellvertretende Schulleiterin Gabriele Seelmann. Am linken Bildrand ist Sara Atzmon zu sehen.

Gabriele Seelmann, die stellvertretende Schulleiterin am Martin-Pollich-Gymnasium, organisierte danach den weiteren Verlauf des Vormittags. Für die acht Workshops waren eigene Klassenzimmer vorbereitet, wo sich die Teams versammelten und ihre Arbeitsaufträge entgegennahmen. Der Workshop „Jiddische Musik“ kam den Schülerinnen und Schülern des musischen Zweigs am MPG sehr entgegen, Lieder, die mit Begleitung am Flügel und einem kleinen Orchester dann auch vorgetragen wurden. Solosängerin war Jasmin Dankert. Sie sang das bewegende, traurige Schlaflied „Hungerik, dajn kezele“ in Jiddisch. Danach sang ein Chor das eher heitere „Bei mir bistu shein“. Weitere Workshop-Themen waren „Entmenschlichung“ und Möglichkeiten der Darstellung in der Kunst; „Wie können Juden nach Auschwitz und sogar in Auschwitz noch an ihren Gott glauben?“; „Verarbeitung des Holocaust in der Literatur“ mit Sammeln der Namen von Autoren, die diese Thematik aufgegriffen hatten; „Judenverfolgung und Holocaust anhand von drei ausgewählten Kurzgeschichten und des Gedichts „Todesfuge“ von Paul Celan“; „Recherche nach den Schicksalen jüdischer Mitbürger im Internet; „Für dich wird sich der Himmel öffnen ­– Die Geschichte der Malka Rosental“ und „Jüdischer Widerstand“. Frau Atzmon und ihr Ehemann Uri besuchten die verschiedenen Gruppen, ließen sich erklären, woran die Schüler arbeiteten, stellten Fragen und beantworteten Fragen – ein sehr intensiver Dialog war das, an dem sich auch die Begleiter von Frau Atzmon, nämlich Dekan Büttner, die Pfarrer Andreas Werner und Lutz Mertten sowie Fritz Schroth vom Vorstand des EBW beteiligten.

Gegen Mittag versammelten sich alle Teilnehmer wieder in der Aula. In kurzen Beiträgen teilten die Teams mit, womit sie sich befasst hatten und welche Resultate sie gefunden hatten.

Frau Atzmon war dann bereit, Fragen der Schüler zu beantworten. Die waren zum Teil sehr direkt, zeigten aber, dass die Fragesteller und ihre Kameraden wohl begriffen hatten, welch schreckliches Schicksal Frau Atzmon als junges Mädchen gehabt hatte. Solche Fragen wie „Sind Sie nach Ihren Erfahrungen noch gläubig?“, oder „Haben Sie je Rachegedanken gehegt, nach allem, was man Ihnen angetan hatte?“, „Können Sie verzeihen?“, „Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen?“ oder „Was würden Sie Ihren Peinigern sagen, wenn Sie dazu Gelegenheit hätten?“ Ihren Gott und sich selbst hat Frau Atzmon nie aufgegeben, bestätigte sie. Und wie käme sie dazu, „diesen Luxus zu haben und zu hassen?“ Verzeihen könne sie nur für sich. An Suizid habe sie „auf keinen Fall“ gedacht, auch wenn in Ungarn manche Juden ihr Leben mit Medikamenten beendet hätten. Ihre Peiniger hätte sie gefragt, was sie gewinnen, wenn sie Juden umbringen.

Uri Atzmon richtete an die Schüler auch einige Fragen. Warum sie sich mit dem Holocaust beschäftigen sollten und was jeder einzelne tun kann, damit sich solches Unrecht nicht wiederholt. Seine Botschaft: „Wenn man auf Unrecht trifft, wann und wo auch immer: reagieren! Unrecht fängt klein an, es wächst wie ein kleines Feuer, das sich zu einem Flächenbrand ausdehnt, wenn man nicht rechtzeitig einschreitet.“

OStD Jäger sprach in seinem Schlusswort seinen Dank an Sara und Uri Atzmon für ihr Kommen aus und dankte mit ihnen allen Beteiligten. Er erkannte an, dass in den Workshops intensive Arbeit geleistet worden und dass dies ein „unglaublich wertvoller Vormittag“ gewesen sei. Dekan Bütter in seinem Schlusswort zitierte, wohl ganz im Sinn von Uri Atzmon, einen Text von der Popgruppe der „Ärzte“: „Es ist nicht deine Schuld, wenn die Welt so ist wie sie ist; es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!“

„Hevenu shalom alechem“ sangen die musischen Schüler am Ende noch einmal vor, und nach einer Wiederholung sang es die ganze Versammlung, Uri Atzmon mit dem Mikrofon ganz vorneweg – ein fröhlicher Akzent am Ende des Vormittags.

 Sara Atzmon entging eher zufällig dem Schicksal, in Auschwitz umgebracht zu werden. Sie befand sich 1944 schon mit einer größeren Gruppe von ungarischen Juden auf dem Transportweg dorthin, als sie durch einen nationalsozialistischen Befehl von der polnischen Grenze zurück nach Österreich ins Arbeitslager beordert wurden. In Bergen-Belsen (in Niedersachsen) lernte sie aber später auch das Grauen eines KZ kennen.

Sara Atzmon kam aus einer kinderreichen Familie. 1940, als sie sieben Jahre alt war, wurden ihr Vater und vier ihrer Brüder zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Lebensbedingungen dort waren kaum besser als in den KZ. 1944 starb ihr Vater, durch Erniedrigung und Hunger hatte er alle Kraft verloren. Sara musste mit ansehen, wie ihr Vater vor ihren Augen starb. Hunger war täglicher Begleiter. Die zugeteilten Rationen (1 Laib Brot für 27 Frauen täglich) reichten nie; ohne den gelegentlichen Diebstahl von Kartoffeln und die heimliche Hilfe einer Frau von außerhalb des Lagers wären sie verhungert. Einquartiert in einen Pferdestall mussten die Frauen die schmutzigsten Arbeiten verrichten.

Im Desinfektionslager Strasshof mussten sie und alle Frauen sich nackt ausziehen; erstmals sah das elfjährige Mädchen nackte Frauen und Frauen mit kleinen Kindern unter katastrophalen hygienischen Umständen. Saras Mutter sprach ihrer Tochter immer Mut zu: „Wir werden das überleben!“ Sara bewunderte sie für ihre Kraft. Später musste Sara in einer Fabrik arbeiten, wo Fallschirme hergestellt wurden. Zu essen bekamen sie Schweineblut, für Menschen jüdischen Glaubens eine Demütigung.

In Bergen-Belsen gingen die Entwürdigungen und Schikanen weiter. Stundenlang mussten die Häftlinge beim Appell im Schnee stehen. Das konnten die Zuhörer auch an einem eingespielten Originalfilm von 1945 erkennen. Jammergestalten, Sterbende, herumliegende Leichen zeigte der Film, Bilder des Grauens. Fehlende Hygiene, Hunger und Krankheiten rafften die ausgemergelten Menschen dahin. Unvergesslich der Anblick eines offenen Massengrabs, in dem die nackten Leichen übereinander lagen. Trotz ihrer verwundeten Füße musste Sara in dem Lager arbeiten. Ein halbes Jahr war sie dort, wo zeitweise auch Anne Frank interniert war. Außer ihrem Vater starben noch weitere 59 Mitglieder ihrer Familie in den Lagern. In Bergen-Belsen waren es geschätzte 52.000 Menschen.

Sara wurde danach in ein Lager bei Magdeburg verlegt. Nachdem amerikanische Soldaten die Häftlinge dort befreit hatten, eröffnete sich für Sara die Möglichkeit, nach Palästina auszuwandern. Der Weg führte sie kurzzeitig durch das bombardierte Deutschland über das befreite KZ Buchenwald nach Frankreich und Italien. In Buchenwald sah sie noch die Aschehaufen und die Knochen der in den Krematorien Verbrannten. Auf den Straßen im nahe gelegenen Weimar traf sie Menschen, die versicherten, sie hätten von dem Grauen in Buchenwald nichts gewusst. Von Buchenwald  kam sie als Mitglied der ersten Einwanderungswelle nach dem Kriegsende am 16. Juni 1945 in Palästina an. Sie hatte schon bald begriffen, dass sie sich bilden musste. Das geschah neben ihrer Brotarbeit in Abendkursen. Das Leben in Palästina war am Anfang auch nicht einfach. Sie meldete sich zum israelischen Heer, heiratete ihren Mann Uri im Jahr 1954 und begann im Alter von 20 Jahren mit Vorträgen über ihre Holocaust-Erlebnisse. Seelisch verarbeitete sie diese als Malerin. Sie wurde bald in Israel und weit darüber hinaus mit ihren ausdrucksstarken Bildern bekannt.  

Frau Atzmon beendete ihrer Erzählung, der ihre Zuhörer mit Betroffenheit gelauscht hatten. Dazu spielte sie auf einer Mundharmonika ein Lied, das die Trauer über all das Furchtbare noch einmal auf ganz andere Weise zum Ausdruck brachte.

Bericht und Fotos: Fred Rautenberg vom Streutaljournal

 

 

 

 

 

Z