Martin-Pollich-Gymnasium Mellrichstadt

Naturwissenschaftlich-technologisches und Musisches Gymnasium

Ein Schatten lag über dem großen Big-Band-Konzert des Martin-Pollich-Gymnasiums, der Schatten des Corona-Virus. Der aber hatte allenfalls Einfluss auf eine etwas gelockerte Sitzordnung in der Aula und darauf, dass die Besucher auf freundliche Umarmungen unter Bekannten verzichteten und dass nicht so viele Hände geschüttelt wurden, wie es sonst der Fall gewesen wäre. Davon Abstand zu nehmen hatte ja auch sinnvollerweise die Schulleitung dringend ihren Besuchern empfohlen. Dem Konzert selbst, also den Musikbeiträgen, tat dieser Schatten aber keinerlei Abbruch.

Schulleiter OStD Robert Jäger hatte offenbar lange mit seinem Kollegium überlegt, ob das Konzert nicht ganz abgesagt werden sollte. Glücklicherweise tat er es nicht. Den vielen Besuchern, die trotz Corona gekommen waren, wäre ein grandioses Erlebnis entgangen. So konnten die beiden Big Bands der Schule, die Junior und die Senior Big Band, zeigen, was sie bei ihren beiden Musiklehrern Urs John und Marcel Steinrichter gelernt hatten. Und das war umwerfend, es war „Wahnsinn“, wie es ein höchst beeindruckter Schulleiter in seinem Schlusswort unter dem Riesenbeifall des Publikums sagte. Und: „Zwei Big Bands wie diese, zwei Musiklehrer wie diese gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit in ganz Unterfranken nicht noch einmal“ – man möchte fast hinzufügen: Vermutlich weiter darüber hinaus auch nicht.

Jäger hatte die Freude, zusammen mit dem „vollen Haus“ auch seinen Vorgänger im Amt, OStD a. D. Fritz Steigerwald zu begrüßen, stürmisch dabei unterstützt von den Schülern, die Steigerwald noch als ihren damaligen Schulleiter erlebt hatten. Jägers Gruß galt aber nicht weniger Gabriele Seelmann, die bis vor kurzem noch seine Stellvertreterin gewesen war und jetzt von Petra Bieber abgelöst worden war. Die neue stellvertretende Schulleiterin war natürlich auch anwesend. Jägers besonderer Gruß galt aber dem stellvertretenden Landrat Peter Suckfüll, der seinen Chef Landrat Thomas Habermann vertrat.

Freunde des Martin-Pollich-Gymnasiums waren gewiss nicht zum ersten Mal bei einem solchen Konzert dabei, es hat ja einen festen Platz im Jahresprogramm des musischen Zweigs dieser Schule. Diesen Freunden wird aufgefallen sein, dass die Perfektion in der Darbietung von anspruchsvollster Jazz-Musik sich noch einmal gesteigert hat. Besonders deutlich war das bei den Juniors zu erkennen. Fast unglaublich war zu hören und zu beobachten, wie Schüler der 5. bis 8. Jahrgangsstufe schon ihre Instrumente beherrschen, wie sie sich in das Ensemble einfügen, wie sie miteinander harmonieren und einen Big-Band-Sound erzeugen, dem nicht mehr viel zur Professionalität fehlt. Das war Jazz-Musik satt, die riss mit, die „haute so sehr vom Hocker“ (O-Ton Jäger), dass das Virus schnell vergessen war.

Als Leah Schneider ihr Solo auf dem Bariton-Saxofon spielte, da vibrierte die Aula, so mächtig waren die virtuos-röhrenden Töne, die sie ihrem Instrument entlockte.

Fünf Stücke hatte Urs John mit seinen Schützlingen einstudiert: „Swing Machine, Jordu, Can you feel the love tonight, Night in Tunesia“ und „The Chicken“ hießen die Titel. John kündigte als Moderator die Stücke selbst an. Ein großes Kompliment machte er dabei seinen Musikern, nicht wegen ihrer Spielkunst – das überließ er offenbar lieber dem Publikum –, sondern wegen ihrer großen Disziplin: Mit vierzig Schülern war er als einziger Lehrer bei einem Wettbewerb im Allgäu unterwegs gewesen. Nichts sei schiefgegangen, sagte er. So erklangen also wuchtige, schrille, schräge, melodiöse, mitreißende, rhythmische Big-Band-Musikstücke verschiedener Stilrichtungen, mal auch etwas gemäßigter, einmal mit einer Gesangseinlage von Sophie Bauer aus der 8. Jahrgangsstufe mit mädchenhafter, aber angemessener Stimme vorgetragen: „Kannst du die Liebe spüren heut‘ Nacht?“ – eine sanfte Melodie aus dem Film „The Lion King“, so recht für eine junge Stimme geeignet. Sie war nicht die einzige Solistin, es gab zahlreiche Instrumental-Soloeinlagen, aber alle bewältigten ihre Parts mit Bravour und bekamen dafür auch ihren verdienten Szenenapplaus.

Die „Großen“ von den Seniors machten ihren Aufzug auf das Podium geheimnisvoll: Bei Dunkelheit und einer monoton-schrillen E-Gitarre traten die Instrumentengruppen vor, der Bass, die Posaunen, die Trompeten, die Querflöte, die Saxofone fügten sich in die Musik ein, bis diese endlich in ein Musikstück übergegangen war, das die Gemüter aufmischte, mit einem Big-Band-Sound, der die Aula platzen ließ. Die nachfolgenden Stücke repräsentierten ebenfalls verschiedene Variationen des Jazz. Viel Abwechslung brachten nicht nur die zahlreichen Soloeinlagen, bei denen sich Sophie Räder, Cosima Wagner und Vincent Tschanter mit dem Saxofon, Emma Beck mit der Trompete, Felix Hoch mit dem Flügelhorn, Nico Benkert mit der Posaune, Timo Schneider mit der Gitarre, Mia Manger mit der Querflöte und Johannes Drescher zusammen mit Hannes Stuhl und Philipp Leon Müller an den Drums mit ihrer fantastischen Virtuosität auszeichneten. Drescher sorgte zudem für einen absoluten Hinhörer und zugleich Hingucker, als er nämlich auf das provisorische Gerüst zu der meterhohen „Schlappenorgel“ hinaufstieg und diesem weltweiten Unikat einer Plastik-Röhren-Orgel Töne von absoluter Exotik entlockte. Denn er spielte eine Solo-Einlage in „Emergency stopping only“, einem fantastischen Stück, das reich an besonderen Akzenten und von größtem Schwierigkeitsgrad war. Klanglich ragte auch „Blues Bari Pie“ hervor, und zwar wegen der Soloeinlage von Leah Schneider. Marcel Steinrichter, der wie John zuvor die einzelnen Stücke moderierte, hatte gewarnt: „Jetzt wird es laut, wenn die Töne nur so herausrotzen!“ Was aber nicht hieß, dass die Solistin nicht diszipliniert ihr Bariton-Saxofon spielte, das nun einmal einen röhrenden Klang erzeugt.

Johannes Drescher ist nicht nur ein fantastischer Schlagzeuger. Er legte auch ein Solo auf der „Schlappenorgel“ hin, das es in sich hatte.

Das war Instrumental-Jazz von einer unglaublichen, überschäumenden Vitalität, aber alles gespielt mit einer Ausgereiftheit, die man bei so jungen Musikern normalerweise nicht erwarten kann. Begeisterten Beifall zollte das hingerissene Publikum aber auch den drei Solosängern der Senior Band. Yasmin Dankert bei „This is me“, Katharina Schock („It had better be tonight“) und Gavin Porch („Why don’t you do right?“) hatten den Jazz-Sound in der Kehle, wie er nun einmal stilgerecht zu dieser Art von Musik gehört. Mit diesen Programmteilen erhielt das Gesamtprogramm die perfekte Abrundung, wie man sie sich bei einem Jazz-Konzert nur wünschen kann.

So viel grandioses Musizieren, so viel jugendliche Dynamik, so viel Hingabe an eine Musikrichtung, die sich jeder schmachtenden Sentimentalität entzieht, die darum so echt rüberkommt: da konnten die Besucher nicht anders: Sie zollten den beiden Bands Standing Ovations, begeisterten Applaus, der sich noch einmal steigerte, als nämlich beide Bands zum Schluss gemeinsam mit dem Funk-Stück „The Chicken“ auftraten: Das war nun wahrlich ein Riesen-Sound und würdiger Akzent am Ende eines Konzerts, das erneut das hohe Niveau dieser beiden Schulbands bestätigte. Bleibt nur zu hoffen, dass Corona die künftige Arbeit der beiden Musiklehrer mit ihren Schülern nicht durchkreuzt, so dass es für die Freunde von mitreißendem Jazz auch künftig wieder solche musikalische Highlights am MPG gibt.

 

Als Saxofonist blühte der Musiklehrer Marcel Steinrichter erst richtig auf, nachdem er zuvor die Senior Big Band temperamentvoll zu musikalischen Höchstleistungen geführt hatte. Dass er selbst das Instrument ergriff, entsprach einem Wunsch seiner Schüler, wie er das Publikum wissen ließ.

 

Den absoluten Höhepunkt bei dem an Höhepunkten reichen Konzert bildete das Schlussstück, bei dem beide Bands, die Junioren und die Senioren, zusammen musizierten. Da wurde es auf dem Podium richtig eng bei der großen Zahl von Musikern.

 

Bericht und Fotos von Fred Rautenberg (Streutaljournal)